Unternehmensporträt

evid – Therapieempfehlung auf einen Blick

Über 700 Behandlungsleitlinien allein in Deutschland, jeweils bis zu mehrere hundert Seiten lang: Welcher Arzt soll da noch den Überblick behalten? Das junge Mannheimer Start-up evid entwickelt eine Software, die aus dem Seitenwust die relevante Therapieempfehlung für den individuellen Patienten herausfiltert. Für seine Idee hat das Gründer-Trio im März 2018 den ersten Platz des eHealthForum Freiburg gewonnen.

Johann Rink, Arzt im Praktikum, steht ratlos im OP-Raum. Der Patient war frisch operiert und sollte zum Schutz vor Infektionen vorbeugend ein Antibiotikum bekommen. Doch welches? Der Patient hatte diverse Nebenerkrankungen. Rink verlässt den OP-Raum. Am Computer lädt er sich die PDF-Datei der Behandlungsleitlinie herunter und durchforstet sie nach dem passenden Antibiotikum. Eine halbe Stunde verstreicht, bis Rink mit dem Medikament in der Hand wieder den OP-Raum betritt.

Glossar

  • Ein Antibiotikum ist ein Stoffwechselprodukt von Mikroorganismen (Bakterien, Pilze), das in geringen Konzentrationen andere Mikroorganismen in ihrem Wachstum hemmt.
Die Gründer von evid (von links): Dr. Johann Rink, Felix Franz und Henry Müssemann © evid UG

Nach einer von den Fachgesellschaften empfohlenen Therapie zu suchen, muss schneller und einfacher gehen, ist Rink überzeugt. Direkt nach Studium und Promotion gründet der Arzt im März 2018 zusammen mit dem Medizininformatiker Henry Müssemann und dem Psychologen Felix Franz das Unternehmen evid UG. Das erste Softwareprodukt heißt evid.one und steht für evidenzbasierte Medizin.

Öffnet Rink die Software auf seinem Smartphone, Tablet oder Computer, erscheint ein Suchfeld, in das er zum Beispiel die Diagnose Lungenentzündung eingibt. Er wählt eine der vorgeschlagenen Leitlinien aus, klickt an, dass es sich um eine leichte Lungenentzündung handelt und dass der Patient keine Nebenerkrankungen hat. Nach einigen Sekunden ploppt der Name des empfohlenen Antibiotikums samt Dosierungshinweis auf dem Bildschirm auf.

Mittlerweile haben die Gründer auch die Leitlinien für Blutvergiftung und Darmkrebs in die Software eingepflegt. Konzentrieren wollen sie sich zunächst auf Erkrankungen der Inneren Medizin, später sollen weitere dazukommen. „Über Software-Algorithmen können wir eine große Menge Wissen schnell durchsuchen und greifbar machen“, sagt Rink.

Perlen finden im Leitlinien-Dschungel

Diese Abfrage zu standardisieren, war alles andere als einfach. Schließlich sind die Leitlinien nicht einheitlich gegliedert. Der Umfang der Leitlinien variiert von zehn Seiten bei Kurzempfehlungen bis über 200 Seiten bei ausführlichen Leitlinien komplexer Krankheitsbilder. Daraus muss die Software die wesentliche Therapieempfehlung herausfiltern. Zwar gibt es bereits elektronische Entscheidungshilfen für den Arzt, aber bisher nur als digitale Nachschlagewälzer.

Inzwischen haben etwa 30 Ärzte in vier Krankenhäusern in Heidelberg und Mannheim verschiedene Prototypen der Software getestet. Anfang 2019 wollen die Gründer die Software so weit optimiert haben, dass sie als Medizinprodukt zertifiziert werden kann. „Wir müssen sicherstellen, dass die Software bei der Therapieempfehlung keine Fehler macht, und die Oberfläche so gestalten, dass der Benutzer sie versteht und die Software richtig bedient“, erklärt Geschäftsführer Rink. Externe Ärzte, aktuell sind es zwei, überprüfen regelmäßig, ob die Software die korrekten und aktuellen Leitlinien-Informationen ausgibt. Von der Zertifizierung verspricht sich Rink einen Wettbewerbsvorteil. Durch die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung werden bis 2020 ohnehin viele medizinische Softwareprodukte, die bisher im Graubereich agierten, eine CE-Zertifizierung als Medizinprodukt benötigen oder verschärfte Anforderungen erfüllen müssen.

Den Grundstein für die Software legte Michael Neugebauer, ein Kommilitone Rinks aus dem Medizin-Studium in Mannheim. Neugebauer hat eine eigene digitale Entscheidungshilfe für die Antibiotikatherapie entwickelt. Rink ist von der Idee begeistert, als er davon hört. Das war 2017. Neugebauer hatte inzwischen das Start-up MediNet IT UG gegründet, das IT-Dienstleistungen für Kliniken und Arztpraxen anbot. Und Rink, mittlerweile ebenfalls Doktorand, der seinen Lebensunterhalt bereits während des Studiums mit dem Design von Webseiten und Grafiken für Kunden aufgebessert hatte, heuerte als Webdesigner an.

Unternehmersinn und Technikbegeisterung vereint

Schon als Jugendlicher hatte Rink einen guten Riecher für technische Lösungen. Damals setzte der computerbegeisterte Junge eine Internet-Plattform auf, auf der jeder kostenlos grafische Oberflächen für Internetforen herunterladen oder teilen konnte. Nach kurzer Zeit hatte die Plattform 30.000 Mitglieder.

Ausgabebildschirm der Software am Beispiel der Pneumonie. © evid UG

Im Sommer 2017 steigt Rink selbst bei Neugebauers Start-up ein, zusammen mit Software-Entwickler Müssemann, dem Bruder eines ehemaligen Mitbewohners. Rink wird mit 29 Jahren Geschäftsführer des Unternehmens, das mittlerweile Solve Studios UG heißt. Kurze Zeit später stößt der ein Jahr jüngere Franz als freier Mitarbeiter dazu, der inzwischen ebenfalls Gesellschafter ist, während Neugebauer ausscheidet und in die Klinik zurückkehrt.

Rink, Müssemann und Franz merken schnell, dass sie sich ergänzen und zusammenarbeiten können. Parallel zu den Kundenprojekten entwickeln sie einen Businessplan für die Software. Im März 2018 ist es dann so weit und das Trio gründet das Start-up evid, in dem es sich ausschließlich der Entwicklung seines Produkts widmen will. „Wenn wir die Software erfolgreich machen wollen, brauchen wir Investoren. Für diese ist es attraktiver, in eine Firma zu investieren, die einen klaren Fokus hat“, sagt Rink.

Lohn der Mühe

Zeitgleich wählen die Teilnehmer des eHealth-Forums in Freiburg – vorwiegend Ärzte – das Unternehmen aus drei Vorentscheid-Gewinnern zum besten Start-up. „Das Schöne ist, dass die Arbeit, die wir reingesteckt haben, belohnt wurde“, freut sich Rink. Natürlich gab es zuvor auch Zweifel, ob es richtig sei, das Abenteuer „Unternehmen“ zu wagen. Doch getrieben von der Energie Neues aufzubauen, haben die Jungunternehmer schon das ein oder andere Tal durchschritten, etwa wenn die Kosten höher waren oder die Programmierung zäher als gedacht.

Das Preisgeld von 4.000 Euro ging komplett für die Gründungskosten drauf. Nun werben die Gründer bei einer Crowdfunding-Plattform und bei Investoren für weitere Gelder. Mit dem Geld wollen sie etwa die Software so programmieren, dass die empfohlene Therapie direkt als Rezept ausgedruckt oder Leitlinien automatisiert eingelesen werden. Auch personell wollen sie sich weiter vergrößern. Am Ende soll eine Software stehen, die beiden nützt – sowohl dem Arzt als auch dem Patienten, der nach den Leitlinien behandelt wird.

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