Fernbehandlung – baden-württembergische Ärzte wagen den ersten Schritt

In Baden-Württemberg dürfen seit März 2017 Modellprojekte zur ausschließlichen Fernbehandlung von Patienten bei der Landesärztekammer zur Genehmigung eingereicht werden. Mittlerweile wurden ein Projekt der TeleClinic GmbH sowie das Projekt „DocDirekt“ der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg durch die Landesärztekammer zugelassen.

In Deutschland ist eine ausschließliche ärztliche Beratung und Behandlung eines Patienten unter Einsatz von Print- und Kommunikationsmedien nicht gestattet. Damit ist die ausschließliche Fernbehandlung nach § 7 Abs. 4 der (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärzte (MBO-Ä) berufsrechtlich untersagt („Fernbehandlungsverbot“). Im März 2017 gab die Landesärztekammer Baden-Württemberg eine Änderung ihrer Berufsordnung bekannt: die ärztliche Behandlung – ausschließlich über Kommunikationsnetze – kann nach einer Genehmigung durch die Landesärztekammer für Modellprojekte gestattet werden. Damit war schnell klar, dass es sich dabei um einen Paradigmenwechsel handelt. Denn bisher durfte eine Videosprechstunde bundesweit nur bei Bestandspatienten durchgeführt werden.

Was in Deutschland im Jahr 2017 eine Neuerung ist, ist in anderen europäischen Ländern längst Realität. So bietet die Online-Praxis DrEd seit dem Jahr 2011 englisch- und deutschsprachige Sprechstunden an. Die Ärzte des Londoner Unternehmens sind bei der britischen Ärztekammer, dem General Medical Council, registriert. Die anfallenden Behandlungsgebühren zwischen neun und 29 Euro sind jedoch eine private Leistung und müssen selbst getragen werden.

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • kb ist die Abkürzung für Kilobase. Diese Einheit für die Länge von DNA- oder RNA-Molekülen entspricht 1.000 Basen bzw. Basenpaaren der Nukleinsäure.
  • Die Dermatologie ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit Hauterkrankungen sowie mit gut- und bösartigen Tumoren der Haut befasst.
  • Polyethylen (Abkürzung: PE) ist das Polymer des Ethylens. Es gehört zu den thermoplastischen Kunststoffen.
  • Drastische Änderung eines bisher vorhandenen Denkmusters. Durch die Änderung wird eine völlig neue Grundlage für die Wissenschaft und die Forschung geschaffen. In der Biologie wird zum Beispiel die Evolution als Paradigmenwechsel zur Schöpfung angesehen.

TeleClinic GmbH – erstes Modellprojekt mit zwei Privatversicherern

Die Behandlung von Patienten ist in Baden-Württemberg im Rahmen von Modellprojekten auch ausschließlich per Videochat möglich. © pixabay.de / CC-Lizenz

Im Oktober 2017 war es dann soweit – die Landesärztekammer Baden-Württemberg gab die Genehmigung der ersten ausschließlichen Fernbehandlung von Privatversicherten der Barmenia Krankenversicherung a. G. und der Debeka Krankenversicherungsverein a. G. bekannt.1,2 In dem Projekt der in München ansässigen TeleClinic GmbH mit zwei privaten Krankenversicherern, können Versicherte aus Baden-Württemberg eine Behandlung ausschließlich über Telekommunikationsmittel nutzen.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Nach einer kostenlosen Registrierung kann der Patient per Telefon, App oder über den Browser zwischen 6 und 23 Uhr Kontakt zu TeleClinic aufnehmen. Hier wird der Nutzer zunächst mit einem Medizinischen Fachangestellten (MFA) verbunden. Dieser erstellt eine erste Anamnese, die zum Beispiel durch vom Nutzer hochgeladene Fotos unterstützt werden kann. In Notfällen ruft dieser sofort den Rettungsdienst. Auf Basis der aufgenommenen Daten erstellt der MFA ein sogenanntes Ticket, welches alle auf der TeleClinic-Plattform registrierten baden-württembergischen Ärzte sehen können. Bestätigt ein Arzt, dem vor dem Termin auch die Anamnese und hochgeladenen Daten zur Verfügung stehen, den Fall, so bekommt der Patient in der App die Nachricht über den Zeitpunkt des Termins. Während des Termins zur Videosprechstunde berät der Arzt den Patienten und stellt, falls möglich, eine Diagnose. Laut TeleClinic-Gründerin Katharina Jünger liegen die Vorteile der digitalen Plattform darin, dass Überkapazitäten an einem Ort mit einer hohen Nachfrage an einem anderen Ort zusammengebracht werden können.3 So kann man mit geringen Wartezeiten von maximal 24 Stunden auch mit einem Facharzt, wie zum Beispiel einem Dermatologen, sprechen.

DocDirekt – auch für gesetzlich Versicherte

Der Patient wird in fünf Schritten telemedizinisch Beraten und bei Bedarf an eine PEP-Praxis weitergeleitet. © KVBW

Am 21. Dezember 2017 wurde nun das zweite Modellprojekt "DocDirekt" der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) zugelassen. Unterstützt wird dieses durch das Ministerium für Soziales und Integration im Rahmen des Förderprogramms „Digitalisierung in Medizin und Pflege“. Im Rahmen dieses Projekts sollen ab März 2018 gesetzlich Versicherte im Stadtkreis Stuttgart und Landkreis Tuttlingen Zugang zu der telemedizinischen Fernbehandlung erhalten. Die KVBW möchte mithilfe der ärztlichen Online-Konsultation die Versorgung der Patienten optimieren und reagiert dabei auch auf verschiedene Umfragen, bei denen 25 – 33 Prozent der Befragten die Videosprechstunde nutzen würden, beziehungsweise sich die Nutzung vorstellen können.4,5,6

Versicherte mit Wohnsitz in Stuttgart oder Tuttlingen können zwischen 9 und 19 Uhr per Telefon, Chat oder Videoanruf zum DocDirekt-Center bei der KVBW Kontakt aufnehmen. Dort werden, wie beim TeleClinic-Projekt, entsprechende Angaben inklusive benötigter Dateien durch einen MFA aufgenommen. Im Anschluss eröffnet der MFA ein Ticket und ein Arzt (Allgemeinarzt bzw. Kinderarzt) ruft den Patienten zurück. Der MFA und der Arzt werden dabei durch spezifische Algorithmen, wie Fragenkataloge, unterstützt. Ergibt die Diagnose des Arztes, dass der Patient dennoch einen Arzt aufsuchen muss, so wird der Patient an eine sogenannte PEP-Praxis "Patientennah erreichbare Portal-Praxis" weitergeleitet. Der per E-Mail oder SMS zugesandte Code identifiziert den Patienten in der PEP-Praxis eindeutig. Der Patient meldet sich mit diesem Code in der PEP-Praxis und wird dort weiterbehandelt.7 Die Ärzte, die an dem Programm teilnehmen, erhalten eine spezielle Schulung sowie 25 Euro Honorar je Anruf außerhalb der budgetierten Gesamtvergütung. Die teilnehmenden PEP-Praxen erhalten einen extrabudgetären Fallwertzuschlag in Höhe von 20 Euro.8

Als Vorbild hat sich die KVBW das Schweizer Unternehmen Medgate genommen. Seit der Gründung 1999 bietet das Unternehmen telemedizinische Leistungen an, die in der Schweiz nach anderen Vorschriften als in Deutschland gestattet sind. Laut eigenen Angaben ist Medgate das größte ärztlich betriebene telemedizinische Zentrum Europas. Ob es bei DocDirect, wie bei Medgate, möglich ist, dass der Arzt ein eRezept ausstellt, ist noch unklar. „In unserem System in Deutschland ist das eRezept noch nicht vorgesehen“, sagt Kai Sonntag, Pressesprecher der KVBW. Ob ein eRezept im Rahmen eines Modellprojektes dennoch ausgestellt werden kann, wird noch geprüft. Gleiches gilt auch für die Ausstellung eines Arbeitsunfähigkeitszeugnisses.

Das Modellprojekt wird wissenschaftlich betreut und evaluiert. Dabei möchte die KVBW herausfinden, wie viele Patienten mithilfe der telemedizinischen Versorgung in den Modellregionen behandelt werden können. Möglicherweise kann man am Ende eine wissenschaftlich fundierte Aussage treffen, ob Patienten die telemedizinische Konsultation annehmen.

Quellen:

1PM Barmenia Krankenversicherung a. G., 7.11.2017, „Digitale Services ausgebaut: Barmenia bringt mit MediApp videobasierte Telemedizin für Smartphone, Tablet und PC“ http://www.barmenia.de/de/barmenia/pressestelle/uebersicht.xhtml#/pressreleases/digitale-services-ausgebaut-barmenia-bringt-mit-mediapp-videobasierte-telemedizin-fuer-smartphone-tablet-und-pc-2254926

2PM Debeka Gruppe, 6.12.2017, „Debeka und TeleClinic starten Pilotprojekt - Neue Wege der digitalen Gesundheit“ https://www.debeka.de/unternehmen/presse/presse/teleclinic.html

3SWR3 aktuell 3.11.2017, Digitale Sprechstunde: So geht der Arztbesuch im Internet https://www.swr3.de/aktuell/Digitale-Sprechstunde-So-geht-der-Arztbesuch-im-Internet/-/id=4382120/did=4576280/1kynwxx/index.html

4Bertelsmann Stiftung Spotlight Gesundheit 11/2015 Videosprechstunde https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/SpotGes_VideoSprechstunde_dt_final_web.pdf

5PM Bitkom e.V., 15.09.2016 „Telemedizin trifft auf großes Interesse“, https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Telemedizin-trifft-auf-grosses-Interesse.html

6Pressemitteilung AOK Baden-Württemberg „Digitalisierung in der hausärztlichen Versorgung“, https://aok-bw-presse.de/landesweite-presseinfos/lesen/digitalisierung-in-der-hausaerztlichen-versorgung.html

7Die ambulante medizinische Versorgung 2017 http://versorgung.kvbawue.de/

8DocDirekt - Das telemedizinische Modell-Projekt der KVBW, Flyer, https://www.kvbawue.de/praxis/neue-versorgungsmodelle/docdirekt/

Seiten-Adresse: https://www.telemedbw.de/de/fachartikel/fernbehandlung-baden-wuerttembergische-aerzte-wagen-den-ersten-schritt/