Digitale Gesundheit

Minister-Premiere bei der conhIT

Kraftvoller Einstieg in die conhIT 2018: Der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn äußert sich zum ersten Mal in seiner neuen Rolle zu seinen Prioritäten bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Das Motto: Aufholen!

Auf der Eröffnungsfeier: Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit © conhIT 2018

Bundegesundheitsminister Jens Spahn (CDU) liegt die Digitalisierung des Gesundheitswesens am Herzen, das zeigte sich schon ganz zu Anfang seiner Amtszeit. Praktisch als erste Amtshandlung änderte er die Strukturen im Bundesgesundheitsministerium und schuf eine neue Abteilung für Digitalisierung, die es so bisher nicht gab. Bei der Eröffnung der conhIT 2018 legte der Minister jetzt nach und präsentierte sich als Partner von Unternehmen und anderen Stakeholdern: „Ich bin ein Überzeugter und will die Digitalisierung mit Ihnen gestalten.“

Spahn kündigte an, dass er gemeinsam mit seinem neuen Abteilungsleiter Gottfried Ludewig in den nächsten Wochen eine intensive Bestandsaufnahme vornehmen werde. Ziel sei es, bis zur Sommerpause zu entscheiden, in welchen Bereichen und wie umfangreich politische Weichenstellung nötig seien. Konkret plädierte der Minister dafür, telemedizinische und internetmedizinische Anwendungen stärker zu nutzen, um die Versorgung nicht zuletzt in ländlichen Regionen zu verbessern: „Mein Eindruck ist, dass auch immer mehr Ärzte bereit sind, zu schauen, welche Möglichkeiten sich hier bieten“, so Spahn.

Der Minister sprach sich auch dafür aus, Big-Data-Anwendungen stärker zu nutzen, um Erkenntnisse über Krankheiten zu gewinnen und Behandlungsverläufe nachzuvollziehen: „Im Kern geht es darum, dass wir die Daten, die wir bereits haben, nutzbar machen. Dort steckt noch sehr viel Potenzial.“ Spahn regte unter anderem an, Behandlungsverläufe in großem Maßstab unter Einsatz von künstlicher Intelligenz zu analysieren. Dabei gelte es, die Patienten einzubeziehen, etwa durch die Option einer „Datenspende“, und technisch dafür zu sorgen, dass Datenmissbrauch verhindert werde: „Übertriebene Datenschutzanforderungen verunmöglichen an bestimmten Stellen eine bessere Versorgung“, so der Minister.

Ebenfalls am Herzen liegt Spahn die Einbindung mobiler Anwendungen in die digitalen Informationsflüsse im Gesundheitswesen. Hier werde sein Ministerium noch im Laufe des Frühjahrs einen umfangreichen Kriterienkatalog vorlegen, der als Richtschnur dienen kann, um künftig besser beurteilen zu können, welche Anwendungen geprüft sind und einen medizinischen Mehrwert bieten. Ziel müsse letztlich eine Art Zertifizierung sein – unabhängig von der separat zu betrachteten Frage einer Erstattung digitaler Anwendungen im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Spahn gab zu, dass die Politik in der Vergangenheit nicht immer rechtzeitig wichtige Hebel umgelegt und so dazu beigetragen habe, dass im deutschen Gesundheitswesen manche Digitalisierungsschritte langsamer vonstattengehen als anderswo. Er dreht es allerdings ins Positive: „Umso weiter wir hinterher sind, umso mehr können wir aufholen.“

Für den Bundesverband Gesundheits-IT betonte Vorstandsvorsitzender Jens Naumann, dass die Industrie Expertise und Engagement zur Verfügung stellen werde, um die Politik dabei zu unterstützen. Wichtig sei unter anderem die Formulierung eines klaren eHealth-Zielbildes, um für alle Beteiligten Klarheit zu schaffen, in welche Richtung sich das Gesundheitswesen zum Beispiel beim Thema elektronische Patientenakten bewege.

Glossar

  • kb ist die Abkürzung für Kilobase. Diese Einheit für die Länge von DNA- oder RNA-Molekülen entspricht 1.000 Basen bzw. Basenpaaren der Nukleinsäure.
  • Die Zelldifferenzierung bezeichnet die Spezialisierung von Zellen in Bezug auf ihre Funktion und ihre Struktur. So entstehen aus undifferenzierte Stammzellen verschiedene Zelltypen wie Herzmuskel-, Nerven- oder Leberzellen, die ganz unterschiedlich ausssehen und verschiedene Aufgaben erfüllen.

Ärzte wollen Digitalisierung mitgestalten

Die Ärzte in Deutschland rufen mit Nachdruck nach einer groß angelegten IT-Modernisierung der Krankenhäuser. Zusammen mit der Industrie sollen die klinischen IT-Systeme optimiert werden. Während weite Teile der modernen Hochleistungsmedizin ohne modernste IT undenkbar sind, hält die Digitalisierung in den klinischen Einrichtungen auf Versorgungsebene nur langsam Einzug – und dort, wo sie Einzug hält, wird sie oft noch nicht als uneingeschränkt hilfreich empfunden. Das müsse sich ändern, betonte Dr. Franz Bartmann, im Vorstand der Bundesärztekammer zuständig für Telemedizin und Digitalisierung: „Die Kolleginnen und Kollegen in den Praxen und Krankenhäusern müssen die Digitalisierung als Hilfe bei der Patientenversorgung erleben und verstehen.“

Staatliches Investitionsprogramm wird gefordert

Session 2: Nutzen der digitalen Transformation des Gesundheitswesens für die ärztliche Profession - Abschlussdiskussion zu Session 2 mit allen Referenten © conhIT 2018

Dass es Verbesserungspotenzial gibt, zeigt eine Umfrage, die der Marburger Bund (MB), die Gewerkschaft der Krankenhausärzte, bei seinen Mitgliedern durchgeführt hat und über die MB-Vorstandsmitglied PD. Dr. Peter Bobbert im Rahmen des conhIT-Kongresses berichtete. Über 1700 Ärzte nahmen teil, vor allem Fach- und Oberärzte. Nur 21% sagten, dass sie ihre Einrichtung als „hoch digitalisiert“ erleben würden. Nur 6% gaben an, sich durch die IT-Abteilungen stark unterstützt zu fühlen. Lediglich 29% sagten, dass es genügend Computer gebe. Und nur die Hälfte ist der Auffassung, dass Hardware und Software aktuell seien.

Trotzdem glauben rund 40% der Krankenhausärzte, dass ihre Arbeit durch die Digitalisierung beschleunigt und vereinfacht wird. Und 46% sind der Auffassung, dass die Qualität der ärztlichen Versorgung zunimmt. „Insgesamt sehen 80% die Digitalisierung als eine Chance für die klinische Tätigkeit“, so Bobbert. Der MB leitet aus diesen Ergebnissen ab, dass Ärzte versuchen müssen, die Digitalisierung aktiv zu gestalten, damit das digitale Gesundheitswesen einen positiven Weg nimmt.

Zu den Forderungen des MB an die Politik gehört ein großangelegtes Investitionsprogramm für eine adäquate IT-Infrastruktur in den Krankenhäusern. Bobbert bezifferte das Volumen auf 10 Milliarden Euro über sechs Jahre. Zusätzlich müsse gewährleistet werden, dass die Systeme einheitlichen Standards folgen, damit ein Datenaustausch über System- und Einrichtungsgrenzen hinweg möglich wird: „Insellösungen sind abzulehnen“, so Bobbert. Wichtig ist dem MB auch, dass die Digitalisierung nicht nur als Werkzeug für Effizienzgewinne genutzt wird: „Die Digitalisierung muss für Ärzte und Patienten ausgerichtet sein. Sie ist eine Chance, Menschlichkeit wiederzugewinnen, die durch die Ökonomisierung der Medizin in den letzten 20 Jahren verlorengegangen ist.“

IT-Checkliste soll Defizite aufdecken und Digitalisierung voranbringen

Um die Digitalisierung speziell der Krankenhäuser besser an den Bedürfnissen der Anwender auszurichten, haben die Ärztegewerkschaft und der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) am Eröffnungstag der conhIT eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Sie zielt darauf ab, eine digitale Checkliste zu entwickeln, mit der Ärzte den digitalen Status quo in ihrer Einrichtung beschreiben und bewerten können.

„Die Checkliste soll dazu dienen, Defizite herauszufinden und zu gestalten, damit die digitalisierte Arbeitswelt eines Arztes im Krankenhaus eine gute Gestalt annimmt“, so Bobbert. Im Idealfall wird daraus ein Tool, mit dem der digitale Reifegrad eines Krankenhauses differenziert ermittelt werden kann. „Wir hoffen, bei der conhIT 2019 schon erste Ergebnisse präsentieren zu können“, so Bobbert.

Digitales Chaos auf der letzten Meile zum Patienten

IT-Werkstatt: Der Patient und seine Daten - Dr. Alexander Schachinger, Geschäftsführer, EPatient RSD GmbH © conhIT 2018

Im Gesundheitswesen herrscht ein digitales Informationschaos. Diese These des Marktforschers Alexander Schachinger unterstützten die meisten Teilnehmer der IT-Werkstatt zum Thema „Der Patient und seine Daten“ auf der conhIT 2018 in Berlin. Eine der Hauptanforderungen hieß „Interoperabilität“. Der derzeit tobende „Kampf um die letzte Meile zum Patienten“ sei die Ursache dieser Zustände. Gregor Drogies von der DAK-Krankenkasse erklärte, die heute für die Erstattungsfähigkeit einer App nötigen Prozeduren dauerten Jahre. Bis dahin habe die Anwendung bereits mehrere Upgrades hinter sich. Überdies erhöhe die neue Europäische Datenschutz-Grundverordnung für Kassen das Risiko, einer unabsichtlichen Datenschutzverletzung überführt und dafür so hart bestraft zu werden, dass das finanzielle Aus drohe.

Es widerspreche der Forderung nach Datenhoheit des Patienten, wenn es nicht möglich sei, mit der vollständigen elektronischen Patientenakte die Krankenkasse zu wechseln, monierte die Vorsitzende der Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin, Gerlinde Bendzuck. Sie bat, den Umstand nicht zu vergessen, dass viele Patienten nicht als „informierte Nutzer“ zu betrachten seien. Susanne Mauersberg, Referentin Gesundheitspolitik vom Verbraucherzentrale Bundesverband, wies darauf hin, dass noch viele Herausforderungen zu bewältigen seien, um die Widersprüche zwischen den Anforderungen von Datenschutz und digitalem Gesundheitssystem aufzulösen. Aus dem Publikum kam der Vorschlag, die Datenschutzrichtlinien im „digitalen Beipackzettel“ so umzugestalten, dass gleich zu Beginn des langen Textes Rechenschaft über die Verwendung der persönlichen Daten abgelegt werde.

Die IT-Werkstatt ist ein neues Format im conhIT-Kongressprogramm, das darauf abzielt, von Frontal-Vorträgen mit kurzer Debatte zu einem mehr diskursiven Event zu kommen, an dem die Publikumsbeteiligung quantitativ und qualitativ aufgewertet wird.

Stärkere Einbindung der Patienten versprochen

Etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung verfüge nach Umfragen nicht über hinreichende Gesundheitskompetenz, um die eigene Patientenakte verstehen zu können. Das dürfe nach Ansicht von Johannes Schenkel, dem Leiter der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland UPD (www.patientenberatung.de), aber keine Ausrede sein, den Patienten das verbriefte Recht auf ihre Daten vorzuenthalten. Vielmehr komme es darauf an, diesen Teil der Bevölkerung zu ermächtigen, mit diesen Daten umgehen zu können. Das erklärte Schenkel bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der conhIT 2018 Berlin. Im Übrigen müssten Ziele zur Verbesserung der Versorgung definiert werden. Wenn der Patient Vorteile der Patientenakte oder der Gesundheitskarte erkenne, komme die Entwicklung auch voran.

Der Schweizer Ärzteverbandsvertreter Reinhold Sojer berichtete von den Vorbereitungen auf das Elektronische Patienten-Dossier des Nachbarlandes: Demnach sähen sich etwa ein Drittel der jährlich zu diesem Thema Befragten in der Lage, zu entscheiden, wer den Zugriff auf die Patientendaten haben solle. Andererseits erhielten Ärzte oft per WhatsApp oder ähnliche Messaging Services mit umstrittenen Sicherheitsstandards Nachrichten ihrer Patienten. „Viele wollen mit dem Hausarzt ihre Daten teilen“ – aber eben nur mit dem Hausarzt und nicht mit Dritten.

Nicolai Bieber von der Beratungsfirma PwC fand die Diskussion in Deutschland über die Telematik im Gesundheitswesen, sprich: die elektronische Patientenakte, „merkwürdig“, weil sie von hochspezialisierten Experten hochspezialisiert geführt werde und gerne die Floskel verwende: „Wenn der Patient es will“. Er plädierte für eine noch stärkere Einbindung der Patienten, wünschte der Branche aber zugleich ironisch „viel Glück bei der Aufstellung von Standards“.

Jörg Rübensam von der Gematik, der für die Telematik im Gesundheitswesen verantwortlichen Gesellschaft, differenzierte zwischen der Patientenakte mit „strukturierten Daten“ aus Notfalldatensatz, E-Arztbrief und Medikationsdaten einerseits und dem Patientenfach, in dem der Patient Dateien zu seiner Gesundheit in unterschiedlichen Formaten ablegen könne, also etwa auch die Auswertung seines Wearables, andererseits. Diese Beschränkung stieß bei einigen übrigen Podiumsteilnehmern auf Kritik. „Über diese Trennung sollte noch einmal diskutiert werden“, meinte etwa Tino Großmann von CompuGroup Medical Deutschland.

Über die conhIT – Connecting Healthcare IT

Die conhIT richtet sich an Entscheider in den IT-Abteilungen, im Management, der Medizin und Pflege sowie an Ärzte, Ärztenetze und Medizinische Versorgungszentren, die sich über die aktuellen Entwicklungen von IT im Gesundheitswesen informieren, Kontakte in der Branche knüpfen und sich auf hohem Niveau weiterbilden wollen. Als integrierte Gesamtveranstaltung mit Messe, Kongress, Akademie und Networking-Events bündelt sie an drei Tagen die Angebote, die für die Branche attraktiv sind. Die conhIT, die 2008 vom Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e.V. als Branchentreff der Healthcare IT initiiert wurde und von der Messe Berlin organisiert wird, hat sich mit über 500 Ausstellern und rund 9.500 Besuchern zu Europas wichtigster Veranstaltung rund um IT im Gesundheitswesen entwickelt.

Die conhIT wird vom Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e.V. in Kooperation mit den Branchenverbänden GMDS (Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie) e.V., BVMI (Berufsverband Medizinischer Informatiker) e.V. sowie unter inhaltlicher Mitwirkung von KH-IT (Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter) e.V. und CIO-UK (Chief Information Officers – Universitätsklinika) gestaltet.

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