Digitale Gesundheit

Symposium Telemedizin 2018 – der Weg zur Gesundheit 4.0

Ob elektronische Gesundheitskarte und elektronische Patientenakte oder Fernbehandlung und Online-Videosprechstunde – die meisten Patienten sind von einer Digitalisierung im Gesundheitswesen noch weit entfernt. Auf dem Symposium Telemedizin – Digitalisierung in Medizin und Pflege, welches das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg Anfang März gemeinsam ausrichteten, wird deutlich, dass es endlich Zeit ist zu handeln. Denn echte Digitalisierung in Medizin und Pflege nutzt den Patienten und Ärzten sowie der Gesellschaft.

„In den vergangenen Jahren wurde in Baden-Württemberg viel geforscht im Bereich Telemedizin. Dabei konnten große Fortschritte erzielt werden. Jetzt geht es darum, dass die neuen Erkenntnisse bei Ärzteschaft und Pflegenden ankommen und die Telemedizin zum Nutzen der Patientinnen und Patienten auch Anwendung findet – in der Vorsorge, Diagnostik, Therapie oder Rehabilitation. Der Fokus liegt jetzt klar auf dem Transfer der digitalen Anwendungen in die medizinische Praxis“, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im Podiumsgespräch mit Sozialminister Manne Lucha und Moderatorin Birgit March1. Damit macht die Ministerin deutlich, welche Aufgaben auf alle Beteiligten im Gesundheitswesen zukommen.

Glossar

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) wird durch einen Mangel an Insulin hervorgerufen. Man unterscheidet zwei Typen. Bei Typ 1 (Jugenddiabetes) handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit, bei der körpereigene Immunzellen die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produzieren, zerstören. Typ 2 (Altersdiabetes) ist dagegen durch eine Insulinrestistenz (verminderte Insulinempfindlichkeit der Zielzellen) und eine verzögerte Insulinausschüttung gekennzeichnet.
  • Polyethylen (Abkürzung: PE) ist das Polymer des Ethylens. Es gehört zu den thermoplastischen Kunststoffen.

Zeit für „echte“ Digitalisierung

Und dass dieser Weg von der Forschung bis zur Anwendung noch nicht vollständig begangen wird, macht Dr. med. Franz Bartmann, Vorsitzender des Ausschuss Telematik der Bundesärztekammer, bereits am Anfang der Veranstaltung offenkundig. „Wir befinden uns in einem Bereich der Pseudo-Digitalisierung.“, sagt der Mediziner. Denn analoge Prozesse werden eins zu eins ins Digitale übernommen. So werden Papierrechnungen eingescannt, abgelegt und dann wieder ausgedruckt um sie weiter zu schicken. Das macht viel Arbeit, nutzt aber wenig. Doch Bartmann erklärt auch, dass es zu jedem medizinischen Fachgebiet telemedizinische Projekte gibt, aber eben nicht in der Regelversorgung. Und das, obwohl aktuell durch die Musterberufsordnung nur der unmittelbare Erstkontakt sanktioniert ist.

DocDirekt: Fernbehandlung in der Notfallversorgung

Dr. med. Johannes Fechner berichtet von docdirekt. © Markus Dollenbacher, Stuttgart

Dass es bereits Projekte gibt, die auch eine Fernbehandlung bei einem unmittelbaren Erstkontakt ermöglichen, zeigt das von Dr. med. Johannes Fechner von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg vorgestellte Projekt DocDirekt. Mit dem durch die Landesärztekammer Baden-Württemberg genehmigten Projekt zur ausschließlichen Fernbehandlung kann laut Fechner eine Lösung sowohl für den Ärztemangel als auch für die Versorgungssteuerung geboten werden. Das Projekt, das zunächst nur in den zwei Modellregionen Stuttgart und Tuttlingen angeboten wird, bietet eine Notfallversorgung zwischen 9.00 und 19.00 Uhr an. Eine Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass der Patient seinen behandelnden Arzt nicht erreichen konnte. Gestartet werden soll im April 2018, ab August 2018 wird es möglich sein ein elektronisches Rezept (eRezept) zu erhalten.

Mit welcher Software eine solche Videokommunikation möglich ist, berichtet Andreas Zenker von der Connect4Video GmbH. Das Unternehmen bietet seit zehn Jahren Videokonferenzen in der Industrie an. Mittlerweile ist die Anwendung in der Klinik, zum Beispiel für ein Ärztekonsil, angekommen. Die Übertragung findet verschlüsselt statt und es werden keine Daten gespeichert.

Telemedizinische Behandlung ergänzt das bisherige Angebot

Podiumsdiskussion zum Thema „Fernbehandlung – Online-Videosprechstunde“ (v. l. n. r.: Dr. med. Franz Bartmann, Andreas Zenker, Birgit March, Dr. med. Johannes Fechner) © Markus Dollenbacher, Stuttgart

In der gemeinsamen Podiumsdiskussion zum Thema „Fernbehandlung – Online-Videosprechstunde“ kristallisiert sich heraus, dass das Problem nicht nur in der Bereitstellung der Technik liegt, wie man durch die Verzögerung bei der Telematikinfrastruktur vielleicht vermuten könnte. So müsse man, laut Bartmann, den Patienten die Angst nehmen, keinen realen Kontakt mehr zu ihrem Arzt zu haben. Im Podiumsgespräch mit Ministerin Bauer macht auch Minister Lucha deutlich: „Insgesamt ist es uns wichtig, die technischen Möglichkeiten zu nutzen, um allen Menschen im Land eine qualitativ hochwertige und effiziente medizinische und pflegerische Versorgung zu ermöglichen, die höchste technische, aber auch ethische Standards erfüllt. Eines ist aber auch ganz klar: Die telemedizinischen Angebote werden die bisherigen Behandlungsformen unterstützen und ergänzen – sie werden menschliche Zuwendung und Empathie aber niemals ersetzen können.”2

An Interoperabilität führt kein Weg vorbei

Der zweite thematische Block „elektronische Patientenakte“ befasst sich mit den technischen Möglichkeiten. Und nachdem Mark Langguth von der gematik, der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH, den „schlanken bundesweiten Start“ der elektronischen Patientenakte und des elektronischen Patientenfachs erläutert hat, berichtet Dr. Oliver Heinze vom Universitätsklinikum Heidelberg, dass es in der Rhein-Neckar-Region bereits eine persönliche, einrichtungsübergreifende Gesundheits- und Patientenakte (PEPA) gibt. Patienten des Uniklinikums können daran teilnehmen. Bisher haben Leistungserbringer und in der Studie auch die Patienten Zugriff auf die Akte. Die PEPA garantiert Interoperabilität auf Basis von IHE (Integrating the Healthcare Enterprise). Wie wichtig dies ist, erklärt Samrend Saboor, von der Siemens Healthcare GmbH. Die vorgestellte IHE-konforme elektronische Gesundheitsakte kommt bei der österreichischen Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) zum Einsatz.

Projekte müssen in der Regelversorgung ankommen

Podiumsdiskussion am Nachmittag im Anschluss an die Foren (v. l. n. r.: Dr. med. Johannes Fechner, Andreas Vogt, Prof. Dr. Daniel Buhr, Prof. Dr. med. Nisar P. Malek) © Markus Dollenbacher, Stuttgart

Doch damit die telemedizinischen Projekte in die Regelversorgung kommen, müssen sie bewertet werden. Möglich ist dies nun mit dem „Handbuch zur Qualitätsentwicklung in der Telemedizin“, das von Professor Joachim Szecsenyi von der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg vorgestellt wird. Das Handbuch mit seinen Qualitätskriterien und in einer Praxischeckliste wurde durch das Ministerium für Wissenschaft und Kunst des Landes Baden-Württemberg gefördert.

In den Foren am Nachmittag werden die Projekte aus dem Förderprogramm „Digitalisierung in Medizin und Pflege in Baden-Württemberg“ des Sozialministeriums vorgestellt2. Die 14 vorgestellten Projekte zeigen klar auf, wie vielfältig im Land gearbeitet wird, sei es bei der Gamification mit einer Beckenboden-App oder einer digitalisierten Sprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Diabetes mellitus. In der Pflege liegt der Fokus insbesondere auf der Unterstützung der pflegenden Angehörigen sowie der Vernetzung der einzelnen Beteiligten, wie Ärzten, Pflegeheim und Klinik. Hier wurden aber ethische Fragestellungen diskutiert. Im Bereich der personalisierten Medizin steht unter anderem die Privatisierung von den aus Wearables ausgelesenen Gesundheitsdaten auf der Agenda. In der Podiumsdiskussion machen die vier Forenmoderatoren Dr. Fechner, Andreas Vogt (Leiter der TK Landesvertretung Baden-Württemberg), Prof. Dr. Daniel Buhr (Universität Tübingen) und Prof. Dr. med. Nisar P. Malek (Universitätsklinikum Tübingen) deutlich, dass es an der Zeit ist, erfolgreiche telemedizinische Projekte aus der Forschung in die Regelversorgung zu bringen.

Literatur

1 Pressemitteilung „Symposium „Telemedizin - Digitalisierung in Medizin und Pflege“ in Stuttgart“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, 05.03.2018, https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/symposium-telemedizin-digitalisierung-in-medizin-und-pflege-in-stuttgart/

2 Pressemitteilung „Land unterstützt Projekte mit 4 Millionen Euro“ des Ministeriums für Soziales und Integration, 30.11.2018, https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/land-unterstuetzt-projekte-mit-4-millionen-euro/

Seiten-Adresse: https://www.telemedbw.de/de/fachartikel/symposium-telemedizin-2018-der-weg-zur-gesundheit-40/