Videosprechstunde: noch nicht bei Patienten und Ärzten angekommen

Die Videosprechstunde wird bisher vonseiten der Ärzte kaum angeboten, und auch nur wenige Patienten nutzen bisher die neue Art der Konsultation. Die geringe Vergütung, aber auch die überschaubare Nachfrage seitens der Patienten können Gründe für die Zurückhaltung der Ärzte sein.

Seit 1. April 2017 ist die Videosprechstunde für Bestandspatienten Teil der Regelversorgung der gesetzlichen Krankenkassen. Damit wurde das telemedizinische Instrument drei Monate früher als durch das E-Health-Gesetz gefordert in die Regelversorgung intergiert. Doch was als großer Clou gefeiert wurde, läuft nur schleppend an. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage der AOK Baden-Württemberg können sich nur 27 Prozent der Befragten vorstellen, an einer Videosprechstunde teilzunehmen (1).

Videosprechstunde bereits erprobt

Dr. Bernd Salzer, Dermatologe aus Heilbronn und Vorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg des BVDD © privat

Ein Modellprojekt, um die Videosprechstunde zu erproben, war eine Initiative des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen e.V. (BVDD) und der Techniker Krankenkasse. „In der Dermatologie kann durch Bilddiagnose einiges entschieden werden“, berichtet Dr. Bernd Salzer, Dermatologe aus Heilbronn und Vorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg des BVDD. „Bei uns gibt es viele Patienten, die wir nach relativ kurzer Zeit wieder sehen müssen, wie zum Beispiel Patienten mit Handekzemen, Akne oder Neurodermitis“, erklärt Salzer. Für die Patienten bedeutet jede erneute Begutachtung durch den Arzt zusätzliche Kosten für die Anreise und einen hohen Zeitaufwand. Im Gegensatz dazu kann man die Videosprechstunde bequem von zu Hause erledigen. Und auch, wenn hier dennoch Wartezeiten anfallen können, kann der Patient die Zeit anderweitig nutzen.

„Da der Aufwand für die Patienten doch relativ hoch ist, hat der Berufsverband der Deutschen Dermatologen gedacht, dass da doch durch Mittel der modernen Kommunikation wie zum Beispiel die Videosprechstunde am Computer Abhilfe geschaffen werden kann“ sagt Salzer. Das Projekt „Online-Videosprechstunde beim Hautarzt“ (2) wurde von der Techniker Krankenkasse unterstützt, sodass Patienten der TK den Service als Kassenleistung in Anspruch nehmen konnten. Nach einer Erprobung in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2015 erfolgte der bundesweite Rollout im September 2016. Laut Salzer konnten aber auch Patienten anderer Kassen den Service als Selbstzahler in Anspruch nehmen. Die Videosprechstunde beim Hautarzt wurde ausbudgetiert und pro Videosprechstunde mit ca. 18 Euro vergütet.

Nachdem die Videosprechstunde in die Regelversorgung integriert wurde, wurde das Projekt eingestellt, da die Videosprechstunde nun als Kassenleistung verfügbar ist. Doch dadurch ist die ganze Videosprechstunde laut Salzer in sich zusammengefallen. „Das liegt daran, dass die Vergütung so ist, dass noch nicht einmal die Kosten gedeckt werden. Denn mit den 4,21 Euro, die pro Gespräch abgerechnet werden, ist das Ganze angesichts der Zeit, die der Arzt für das Gespräch benötigt, in keiner Weise kostendeckend“, erklärt der Dermatologe. Damit stimmt Salzer mit dem BVDD überein. „Ärzte, die eine Videosprechstunde anbieten, erhalten keine Vergütung für diese Leistung“, stellt BVDD-Präsident Dr. Klaus Strömer Mitte November 2017 klar (3). Auch Katharina Jünger, Geschäftsführerin der TeleClinic GmbH, die im November 2017 die Genehmigung für das erste Modellprojekt zur Fernbehandlung in Baden-Württemberg erhielt, bezeichnete gegenüber dem Ärzteblatt die neue EBM-Regelung als enttäuschend.

Bezahlung kaum kostendeckend

Die Videosprechstunde kann der Patient bequem von zu Hause aus durchführen. Laut internationaler Studien ist die Videosprechstunde bei vielen Indikationen medizinisch gleichwertig zum persönlichen Besuch beim Arzt. © Rainer Sturm / pixelio.de

Der sogenannte Technik- und Förderzuschlag von 4,21 Euro (Gebührenordnungsposition [GOP] 01450 im einheitlichen Bewertungsmaßstab [EBM]) (4) wird für eine Videosprechstunde, die über einen zertifizierten Videodienstanbieter durchgeführt wird, gezahlt, wenn der Patient in dem Quartal bereits einmal in der Arztpraxis war und es einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt mit einer Abrechnung der entsprechenden Grundpauschale, die bei Hautärzten bei ca. 15,00 Euro liegt, gegeben hat. War der Patient in diesem Quartal noch nicht, aber in den zwei vorherigen Quartalen in der Arztpraxis, so kann der Arzt die GOP 1439 mit 9,27 Euro abrechnen. Pro Quartal darf der Arzt 50 Videosprechstunden abrechnen. Dazu belaufen sich die Kosten für den zertifizierten Videodienstanbieter zwischen ca. 28 Euro pro Monat bei einem Jahresabonnement bis zu 59 Euro bei monatlicher Kündigungsmöglichkeit. Bei maximalen Einnahmen von ca. 210 Euro pro Quartal ließen sich die Kosten damit gerade decken. Ferner ist der Dokumentationsaufwand laut Salzer für die Videosprechstunde deutlich höher.

Patienten können Zeit und Geld sparen

Es gibt jedoch weitere Probleme. Denn die Patienten sprechen relativ wenig auf die Videosprechstunde an. „Wir hätten uns mehr Resonanz erwartet“, berichtet Salzer aus dem Projekt mit der Techniker Krankenkasse. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage bei 507 Personen ab 18 Jahre in Baden-Württemberg würden nur 27 Prozent eine Videosprechstunde mit ihrem Arzt nutzen wollen (1). Auch in der Umfrage der Techniker Krankenkasse „TK-Meinungspuls Gesundheit 2017“ wird deutlich, dass nur jeder vierte Patient zu einem Online-Arztgespräch bereit ist (5). Die Bertelsmann-Stiftung führt als Grund für eine Zurückhaltung bei der Videosprechstunde auf, dass die meisten Patienten keine Vorstellung von einem Videokontakt zu ihrem Arzt haben (6). Internationale Studien zeigen jedoch, dass die Video-Konsultationen bei vielen Indikationen medizinisch gleichwertig zum persönlichen Besuch beim Arzt sind (7). Laut der Umfrage wollten nur 4 % der Patienten die Videosprechstunde „so häufig wie möglich“ und 12 % „öfter“ nutzen. 29 % gaben an, diese „eher selten“ nutzen zu wollen, während 19 % unentschlossen waren und 37 % die Videosprechstunde „(fast) gar nicht“ nutzen würden (6). Ferner ist unklar, wie viele Patienten über die Möglichkeit der neuen Art des Arzt-Patienten-Gesprächs bereits informiert sind.

Dr. Josef Lunger, Orthopäde und Unfallchirurg aus Mindelheim © privat

Auch Dr. Josef Lunger, Orthopäde und Unfallchirurg aus Mindelheim in Bayern, bestätigt, dass die Videosprechstunde bisher kaum genutzt wird. Der Orthopäde bietet die Videosprechstunde seit sieben Monaten an. Die Patienten können in der digitalen Sprechstunde beim Orthopäden aus Mindelheim eine Zweitmeinung einholen oder zum Beispiel den Heilungsverlauf nach einer Operation bzw. während einer Therapie besprechen. „Mit der Videosprechstunde können die Patienten viel Zeit sparen“, sagt Lunger. Verbesserungsbedarf gibt es laut Lunger in der Vermittlung, dass das Angebot der Videosprechstunde überhaupt besteht, auch seitens der Krankenkassen. „Auch die Wirtschaftlichkeit ist auf Basis der aktuellen Vergütung nicht gegeben“, erklärt Lunger. „Ich bin relativ jung, halte die Videosprechstunde für sinnvoll und möchte mit meinem Angebot den Patienten zeigen, dass wir auf moderne Methoden beim Kontakt zwischen Arzt und Patient setzen“, so der Mediziner. Dennoch glaubt Lunger, dass sich die Videosprechstunde durchsetzen und auch in ihrem Einsatzgebiet erweitert werden wird.

In Baden-Württemberg gibt es bereits jetzt schon Modellprojekte, die eine ärztliche Behandlung ausschließlich über Kommunikationsnetze gestatten. Ferner schafft die Landesregierung Baden-Württemberg die technischen Voraussetzungen für ein digitales Gesundheitswesen. So finanziert Baden-Württemberg ein Förderprogramm für den kommunalen Breitband-Ausbau. Die jetzige Landesregierung hat von Mai bis Dezember 2016 329 Breitband-Projekte in Höhe von rund 87,5 Millionen Euro gefördert. Mit einem Breitbandanschluss von 100 Mbit/s können zum Beispiel Röntgenbilder deutlich schneller zwischen Arzt und Patient über die sichere Verbindung ausgetauscht werden.

Die Forsa-Umfrage der AOK zeigt jedoch, dass neben den Ärzten auch die Patienten von der digitalen Sprechstunde überzeugt werden müssen. Ferner erklärte Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, auf dem 120. Deutschen Ärztetag im Mai 2017 in Freiburg: „Auch Baden-Württemberg ist vom Ärztemangel betroffen. Patienten klagen zu Recht über lange Wartezeiten auf Arzttermine sowie überfüllte Wartezimmer, Notfallpraxen und Klinik-Ambulanzen“ (8). Besonders hier kann die Videosprechstunde sowohl die niedergelassenen Ärzte als auch die Patienten entlasten.

Literatur:

(1) Pressemitteilung AOK Baden-Württemberg „Digitalisierung in der hausärztlichen Versorgung“, https://aok-bw-presse.de/landesweite-presseinfos/lesen/digitalisierung-in-der-hausaerztlichen-versorgung.html

(2) Projekt „Online-Sprechstunde beim Hautarzt“ https://www.telemedbw.de/de/projekte/online-videosprechstunde-beim-hautarzt/

(3) Pressemitteilung des BVDD vom 13.11.2017: „Kein Arzt muss die Leistung anbieten – Druck der Verbraucherzentrale sinnlos“ http://www.bvdd.de/de/news/top-news/kein-arzt-muss-die-leistung-anbieten-druck-der-verbraucherzentrale-sinnlos.html

(4) Online-Version des EBM: http://www.kbv.de/html/online-ebm.php

(5) TK-Meinungspuls Gesundheit 2017, https://www.tk.de/tk/themen/digitale-gesundheit/meinungspuls-2017/945984

(6) Bertelsmann Stiftung Spotlight Gesundheit 11/2015 Videosprechstunde https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/SpotGes_VideoSprechstunde_dt_final_web.pdf

(7) Cerbo et al., Narrative review of telemedicine consultation in medical practice, Patient Prefer Adherence. 2015; 9: 65–75 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4298290/

(8) Pressemitteilung der Landesärztekammer Baden-Württemberg „Ärztemangel? - Ärztliche Versorgung in Baden-Württemberg“ http://www.aerztekammer-bw.de/news/2017/2017-04/pm-daet/index.html

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