Hauptstadtkongress

Bahnbrechende Forschungsergebnisse – aber Datenschutz kann Gordischer Knoten für medizinischen Fortschritt sein

Wissenschaftler haben auf dem am 23.5.2019 zu Ende gehenden Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit zahlreiche bahnbrechende Forschungsergebnisse präsentiert und zugleich gewarnt, dass ein falscher Umgang mit Datenschutz den medizinischen Fortschritt behindern und somit viele Menschenleben kosten könnte.

Der Hauptsstadtkongress fand vom 21. bis 23. Mai 2019 in Berlin statt. © WISO / Schmidt-Dominé

Bereits in der Eröffnungsveranstaltung des Kongresses zeigte Prof. Dr. Roland Eils vom BIH-Zentrum für Digitale Gesundheit, wie Genomsequenzierung einzelner Patienten die Heilungschancen bei Krebs drastisch erhöhen könnte, weil sich die Wirksamkeit bestimmter Krebsmedikamente durch Vergleich mit großen Datenmengen möglichst vieler anderer Patienten immer besser vorhersagen lässt. Eils kritisierte, dass im deutschen Gesundheitswesen für derartige Präzisionsmedizin zu wenig Daten zur Verfügung stünden: „Ich würde behaupten, dass ein überzogener Datenschutz jetzt und hier in Deutschland Leben gefährdet.“

Auch etwa 20.000 Todesfälle pro Jahr wegen einer Sepsis wären mit Big-Data-basierten Softwaresystemen zur Entscheidungsunterstützung in Deutschland vermeidbar. Daran forscht derzeit der Bochumer Intensivmediziner Prof. Dr. med. Michael Adamzik, der sein Projekt ebenfalls auf dem Hauptstadtkongress vorstellte. Auch dafür sind umfangreiche Big-Data-Erhebungen notwendig, die in Deutschland bislang nicht existieren.

Der Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit ging am Nachmittag nach drei Tagen zu Ende. Zu der Leitveranstaltung von Gesundheitspolitik und Gesundheitswirtschaft kamen rund 8.500 Teilnehmer in den Berliner CityCube. Das Kongressmotto lautete in diesem Jahr: „Gesundheitspolitik, Gesundheitsversorgung, Gesundheitsberufe in Zeiten des digitalen Wandels“. Eröffnet wurde der Kongress von Gesundheitsminister Jens Spahn.

An den drei Kongresstagen kam in rund 150 Einzelveranstaltungen mit etwa 600 Referenten das gesamte Themenspektrum des deutschen Gesundheitswesens zur Sprache. Besondere Aufmerksamkeit der Kongressbesucher, aber auch der Medien hatten dabei die ungelösten strukturellen Probleme des Gesundheitssektors.

So zeigte der auf dem Kongress der Öffentlichkeit vorgestellte Krankenhaus Rating Report 2019, dass es Deutschland Krankenhäusern wieder schlechter geht. "Die Reformen der Vergangenheit waren rein symptomatisch und haben keine moderne und nachhaltige Krankenhausstruktur entstehen lassen", so Dr. Sebastian Krolop, einer der Autoren des vom RWI herausgegeben Reports. Nunmehr befinden sich 12 Prozent der Krankenhäuser in erhöhter Insolvenzgefahr, ohne dass klar ist, wie sich der Krankenhausmarkt künftig strukturieren sollte.

Auch die Krankenhausvergütung steht nach Ansicht von Fachleuten vor ungelösten Problemen: Die Herausnahme der Pflege aus dem Fallpauschalensystem könnte zu einem Bumerang im Hinblick auf Kosten und Qualität werden, wie sich in einer von dreihundert Teilnehmern besuchten Kongresssession zeigte. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, wies darauf hin, dass bisher völlig unklar sei, was „Pflege am Bett“ bedeute – was also künftig der Fallpauschale zuzurechnen wäre und was der Pflege. Andrea Lemke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats, erklärte, dass ein verbessertes Fallpauschalensystem, das die Pflege angemessen einbeziehe, der jetzt vorgesehenen Herausnahme vorzuziehen sei und zeigte sich in diesem Punkte mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft einig.

Zu den großen Konfliktfeldern der deutschen Gesundheitspolitik, die auf dem Hauptstadtkongress thematisiert wurden, gehört auch der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich. Der Streit zwischen AOK einerseits und Ersatz-, Betriebs- und Innungskrankenkassen andererseits wurde auf dem Hauptstadtkongress kontrovers ausgetragen.

Der nächste Hauptstadtkongress findet vom 17. bis 19. Juni 2020 statt.

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Das Genom ist die gesamte Erbsubstanz eines Organismus. Jede Zelle eines Organismus verfügt in Ihrem Zellkern über die komplette Erbinformation.
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