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Blick über die Grenze: Elektronisches Patientendossier mit Zusatzfunktion in der Schweiz

In Sachen Telemedizin und elektronische Patientenakte ist die Schweiz Deutschland einige Jahre voraus. Wird dort doch schon seit über 20 Jahren eine Fernberatung durch nicht ärztliches Personal und eine Fernbehandlung durch Ärzte durchgeführt. Das elektronische Patientendossier, so heisst die Patientenakte in der Schweiz, wird nächstes Jahr eingeführt. Die Schweizerische Post bietet fundierte Digital-Health-Dienstleistungen an. Im Interview mit Dr. Ariane Pott für BIOPRO erklärt Matthias Glück aus dem Bereich Geschäftsentwicklung Digital Health wie in der Schweiz das elektronische Patientendossier eingeführt wird.

Wie funktioniert das Schweizer Gesundheitssystem?

Im Schweizer System ist die Krankenversicherung obligatorisch. Die Beiträge sind jedoch im Unterschied zu Deutschland Kopfprämien, das heisst diese sind einkommensunabhängig. Für einkommensschwache Einwohner gibt es entsprechende Prämienvergünstigungen. Der Bürger kann zudem eine freiwillige Zusatzversicherung abschließen. Die Finanzierung der Spitäler erfolgt durch die Einnahmen aus den Behandlungen sowie die Kantone. In der Schweiz sind jedoch Zahnbehandlungen nicht in der obligatorischen Krankenversicherung enthalten. 

Wie unterscheiden sich das Deutsche und das Schweizer System? 

Zunächst einmal muss man sagen, dass beide Systeme hohe Qualitäts- und Versorgungsstandards haben. Im Bereich der Digitalisierung verfolgt die Schweiz den Top-Down-Ansatz, das heißt das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG), das im April 2017 in Kraft getreten ist, regelt das gesamte Vorgehen bis zur Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD) im April 2020. Es gibt einen genauen Zeitplan und auch Sanktionen, wenn jemand sich nicht daran hält. Das EPD ist für Institutionen, die eine stationäre Behandlung anbieten, nicht freiwillig und wird schrittweise eingeführt. Die Spitäler müssen das EPD bis 2020 eingeführt haben, die Pflege erst bis 2022. Und ich denke, diese Ziele können erreicht werden. 

Matthias Glück ist Experte im Bereich Geschäftsentwicklung Digital Health. © Post CH AG

Welche Digitalisierungsangebote gibt es von Seiten der Schweizer Post im Bereich des elektronischen Patientendossiers?

Die Post transportiert seit über 150 Jahren Informationen, früher physisch, heute auch vertrauensvoll digital. Deswegen sind wir natürlich auch in diesem Markt aktiv. Mit der Post E-Health Plattform haben wir einen Managed Service, der eine sichere Anwendung des EPD garantiert. Dazu gehören die EPD-Basisservices, wie der sichere Zugang des Patienten und der Gesundheitsfachpersonen zu den medizinischen Daten und ein Verzeichnis aller behandlungsrelevanten Dokumente und Bilder. Darüber hinaus möchten wir einen Mehrwertservice bieten. Dazu kann ich als Beispiel die elektronische Überweisung, der Klinikaustrittsbericht, den elektronischen Terminbuchungsservice und das elektronische Impfdossier für den Patienten nennen. Durch die Managed-Service-Strategie kann jeder Kunde selbst entscheiden, welchen Service er benutzen möchte. Wichtig ist aber, dass die Post eHealth Plattform den gesetzlichen Ansprüchen entspricht. In Deutschland haben wir aktuell keine Aktivitäten geplant, sondern setzen den Fokus auf den Start des EPD in der Schweiz.

Kann man die Anforderungen mit denen in Deutschland vergleichen?

Ja, die Anforderungen sind vergleichbar. So setzen beide Länder auf die IHE Standards. Ein Unterschied ist aber ganz deutlich die Finanzierung. Denn diese erfolgt in der Schweiz über dezentrale Stammgemeinschaften. Dabei handelt es sich um Zusammenschlüsse von Gesundheitsfachpersonen und ihren Einrichtungen, also zum Beispiel Arztpraxen, Spitäler und Apotheken. Die Stammgemeinschaften müssen ein Finanzierungsmodell für das EPD finden, das können zum Beispiel Beiträge der Teilnehmer sein. Zudem unterstützt der Staat den Aufbau das EPD mit 30 Millionen Franken. Für die Bevölkerung wird das EPD vermutlich kostenlos sein. Die Patienten wählen die Stammgemeinschaft, bei der sie ein EPD eröffnen.

Wie in Deutschland die Patientenakte ist das EPD der Schweiz eine Anwendung für den Bürger, denn die Patientinnen und Patienten behalten die Hoheit über die Daten und vergeben die Zugriffsrechte an den behandelnden Arzt. Ein wichtiger Vorteil des EPD ist, dass die Patienten einen einfachen Einblick in den Behandlungsprozess erlangen. Die Perspektive ist, dass auch der Patient Daten in das EPD einstellen kann. Die selbst eingestellten Informationen sollen allerdings gekennzeichnet werden. 

Wo hat die Post ihr System schon im Einsatz?

Das EPD der Post war das erste, das in der Schweiz eröffnet werden konnte. Wir lancierten es 2013 zusammen mit dem Kanton Genf und haben bereits 40.000 Patientenakten im Einsatz. Über 3 Millionen Dokumente wurden inzwischen angelegt und die Gesundheitsfachpersonen des Kantons arbeiten jeden Tag erfolgreich damit. Als weiteren Service konnten wir auch die E-Medikationslösung schon mit medizinischen Institutionentesten. Diese Anwendung ist besonders für chronisch Kranke von Bedeutung, denn wenn Apotheker, Patienten und Ärzte die Akten einsehen können, werden Fehlmedikationen und gefährliche Wechselwirkungen reduziert, die entstehen können, wenn die falschen Medikamente zusammen eingenommen werden. Mit der E-Medikation werden zudem die Arbeitsabläufe deutlich vereinfacht, denn dank der gesicherten Schnittstellen im System fallen Übermittlungsfehler weg. Aus diesen Gründen haben wir auch positives Feedback von den Anwendern erhalten.

Auf der eHealth-Plattform der Schweizerischen Post können zum Beispiel eine Medikationsliste und Überweisungsformulare gespeichert und abgerufen werden. © Post CH AG

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Wie alle Gesundheitssysteme haben wir auch in der Schweiz einen großen Kostendruck. Ich sehe zwei Handlungsfelder.  Erstens könnten die Kosten mit einer besseren Vernetzung ohne Qualitätsverluste reduziert werden. Ein Beispiel: Werden die Schnittstellen zwischen den einzelnen Institutionen, also zum Beispiel Spitäler, niedergelassene Ärzte, Physiotherapeuten, reduziert, können Doppelbehandlungen vermieden werden, denn die Informationen zu den Behandlungen sind in dem EPD abgelegt. Besonders dieser Effekt hat auch der Post E-Health Plattform sehr positive Rückmeldungen gebracht. Im zweiten Handlungsfeld geht es um Supply Chain Management, also Einkauf, Lagerung, Lieferung. Diese Aufgaben integriert anzugehen, wird immer komplexer und aufwändiger. Wenn Gesundheitsinstitutionen sie auslagern, zum Beispiel an die Post, so können sich die medizinischen Spezialisten mit ihren Kernaufgaben – der Arbeit am Patienten – befassen.

Seit dem 15. April 2017 ist das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) in der Schweiz in Kraft. Das Gesetz sieht vor, dass mit dem elektronischen Patientendossier (EPD) die Qualität der medizinischen Behandlung und die Behandlungsprozesse verbessert werden sollen. Ferner soll die Sicherheit der Patienten sowie deren Gesundheitskompetenz erhöht werden. Das EPD ist für alle stationären Institutionen verpflichtend. Die zertifizierten EPDs werden über die sogenannten Stammgemeinschaften zur Verfügung gestellt. Folgende Funktionen gehören unter anderem zum EPD: die Online Einsicht in Dokumente, die Ablage eigener Dokumente, die Zuordnung von Vertraulichkeitsstufen und der Notfallzugriff.

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