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Experteninterview

Dr. Günther Hanke – Digitale Gesundheit aktiv miteinander gestalten

Apotheken sind schon lange im Bereich der Verwaltung digital vernetzt, nur mit dem Patienten nicht. Dr. Günther Hanke, Präsident der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, berichtet im Interview mit Dr. Ariane Pott für BIOPRO, warum das eRezept ein weiterer wichtiger Schritt in der Digitalisierung der Apotheken ist. Der ehemalige Apotheker, Unternehmer und Lehrbeauftragte der Universitäten Heidelberg und Hohenheim kann dabei auf eine langjährige Erfahrung im Beirat der gematik zurückblicken.

Wie weit ist die Digitalisierung der Apotheken in Deutschland schon vorangeschritten?

Porträtbild Dr. Günther Hanke
Dr. Günther Hanke ist Präsident der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg © LAK BW

Grundsätzlich ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen ein umfassender Prozess, der der allgemeinen Fortentwicklung von Wissenschaft und Technik folgt. Aus dieser Entwicklung ergeben sich große Chancen für die Wissenschaft, aber insbesondere auch für die Gesundheit der Patienten. Deutschlands Apotheker stehen dabei vor großen Herausforderungen. Allerdings haben die Apotheken schon viel früher als andere Akteure im Gesundheitswesen begonnen, die Informationstechnologie systematisch für ihre Arbeit einzusetzen. Schon seit vielen Jahren sind zahlreiche Arbeitsabläufe IT-gestützt, wie zum Beispiel die Bestellung der Arzneimittel im Großhandel, die Verwaltung der Lagerbestände, die datenbankgestützte Prüfung von Wechselwirkungen sowie die Abrechnung mit den Krankenkassen. Die Apotheken haben 1969 für die Bestell- und Lagerorganisation das sogenannte Lochkarten-System eingeführt, bei dem jedem Arzneimittel eine eigene Lochkarte zugeordnet wird. In den 70er-Jahren kam die einheitliche Pharmazentralnummer1 hinzu. Heute ist es Realität, dass in einer modernen Apotheke das Rezept eingescannt und mithilfe einer automatisierten Kommissionierungsmaschine das gewünschte Arzneimittel zur Verfügung gestellt wird. Aufgrund der Vielzahl der Artikel sind Apotheken daher schon von jeher gut organisiert gewesen. Ich hatte selber bis 2012 eine Apotheke und etwa 12.000 verschiedene Artikel im Sortiment, die über die EDV verwaltet wurden. Damals haben die meisten Menschen mit dem Begriff der „Digitalisierung“ noch wenig anfangen können. Doch schon in den 80er-Jahren war die Digitalisierung in den Apotheken weit fortgeschritten. Das führte natürlich dazu, dass den Apotheken erhebliche Kosten im Monat für die EDV entstanden sind. 

Und bald wird es nun auch das eRezept geben?

Das nun anstehende eRezept ist für uns nur der nächste konsequente Schritt. Es war bisher immer ein Bruch in der Kette von der Ausstellung des Rezepts bis hin zur Abrechnung mit den Krankenkassen. Bisher wird das Rezept in der Regel in der Arztpraxis digital ausgestellt und ausgedruckt. Der Apotheker scannt das Papier-Rezept des Patienten teilweise heute schon ein, bearbeitet es digital und gibt die Abrechnung an die Rezeptabrechnungsstelle, die es ebenfalls erneut digitalisiert. Parallel läuft weiterhin die Papierform per Post weiter. Das Papier-Rezept wird von der Verrechnungsstelle, die bereits digital mit der Krankenkasse abrechnet, in Papierform an die Kontrollstelle der Krankasse versendet, die es erneut einscannt. Natürlich kann der Ablauf fehlerfreier und einfacher gehandelt werden, indem die digitalen Datensätze vom Arzt zur Apotheke über einen Fachdienst wie GERDA, den geschützten eRezept-Dienst der Apotheken, versandt werden. Und ich möchte betonen, dass sich damit im Sinne der Rechtssicherheit des Patienten nichts geändert hat. Deswegen gibt es auch das Verbot des sogenannten Makelns, um zum Beispiel Rabatte aus den Niederlanden, die bei uns in Deutschland illegal sind, direkt anzusteuern. Daher ist der Ablauf klar geregelt, wir wollen keine Lücken im Gesetz lassen.

Wie lange wird es noch dauern, bis GERDA dem Patienten zu Verfügung steht?

Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und bereits im Juni die entsprechenden Vorgaben für die Schnittstellen an die beauftragte Firma TeleClinic mit docdirect, mit der die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) bei uns zusammenarbeitet, übergeben. Wir sind also fertig und haben GERDA bundesweit dem Bundesministerium und der gematik vorgestellt. Wir gehen davon aus, dass GERDA zumindest die Basis wird und als bundesweite Vorlage für das eRezept dienen kann. Wir haben in Baden-Württemberg die NGDA, die Netzgesellschaft Deutscher Apotheker mbH, beauftragt, die für die Umsetzung von securPharm verantwortlich ist. Bei securPharm muss sich jede Apotheke mit dem POSTIDENT-(N-ident-)Verfahren verifizieren und anmelden. Damit ist die NGDA die einzige Stelle, die garantiert gematik-konform eine Apotheke identifizieren kann. Weil wir natürlich verhindern wollen, dass jemand eine „Fake“-Apotheke digital erstellt. Die NGDA hat auch alle Beteiligten einbezogen, wie zum Beispiel die Krankenkassen und die Softwarehäuser, die die EDV für die Apotheken liefern. Wir waren deshalb die Ersten, weil die Landesärztekammer Baden-Württemberg auf mich zukam. Die Ärztekammer plante ihre Berufsordnung so zu ändern, dass eine Fernbehandlung als Projekt möglich ist. Da man dabei auch ein eRezept benötigen würde, brauchten die Ärzte unsere Unterstützung. Da Baden-Württemberg bei der Digitalisierung ganz vorne mit dabei ist, war das Sozialministerium auch bereit, das eRezept mit rund einer Million Euro zu fördern. Nach der schnellen Reaktion des Ministeriums haben wir daher sofort das Projekt mit der NGDA begonnen.

Wie kann der Patient auf das Rezept zugreifen?

Der Patient kann das eRezept über eine App verwenden. Aber das muss zukünftig nicht zwingend so sein. Denn uns ist auch bewusst, dass nicht jeder im Besitz eines Smartphones ist. Daher wird es sicherlich alternative Möglichkeiten geben. So könnte beispielsweise in der Arztpraxis auch ein Barcode ausgedruckt werden, über den der Zugang zum elektronischen System in der Apotheke erfolgen würde. Dieser Code könnte etwa von bettlägerigen Patienten auch an den Enkel oder die Tochter weitergegeben werden. Die autorisierte Person könnte auf diese Weise, wie bisher mit dem Rezept, mit dem Code in den elektronischen Vorgang einsteigen. Dabei ist die App aber natürlich die wichtigste Möglichkeit, denn der Patient soll auch kontrollieren können, was in der Praxis verordnet wurde. Es können überall Fehler passieren. Deswegen muss man Sicherheiten einbauen und das können Sie heute wesentlich leichter mit einer elektronischen Verknüpfung machen. Hier hilft die elektronische Patientenakte, die ePA. Der Apotheker sollte in der ePA die Indikation, in der steht, ob der Patient auch wirklich Bluthochdruck hat, einsehen können. Und damit wird die Sicherheit für den Patienten nochmal einen richtigen Quantensprung bekommen. Der Apotheker kann zudem eingeben, welche rezeptfreien Medikamente, wie Schmerzmittel, Abführmittel usw., der Patient ebenfalls gekauft hat. Über das System werden die Wechsel- oder Nebenwirkungen sofort abglichen.

Sie sind ebenfalls 2. Stellvertretender Vorsitzender des Vereins DG-BW Digitale Gesundheit Baden-Württemberg e.V.?

Hier war es so, dass die Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg (KTBW) auf mich zugekommen ist. Denn auch nach der Förderung der Koordinierungsstelle ist es wichtig, dass man weiterhin untereinander vernetzt bleibt, egal ob Krankenhaus, Ärzteschaft oder Apotheken. Der Verein vertritt unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Interessen die Anliegen aller Akteure im Bereich der Digitalen Gesundheit. In diesem Bereich sollte man das Silodenken überwinden, denn viele Akteure sehen nicht, was neben ihnen stattfindet. Wir versuchen, mit diesem Verein die Player miteinander zu verbinden. Aber dafür muss man zunächst einmal miteinander reden und die Probleme auf den Tisch bringen. 

Dass wir hier in Deutschland Riesenprobleme haben, weiß man spätestens schwarz auf weiß seit Dezember 2018, als die Bertelsmann Stiftung eine Studie über den Zustand der Digitalisierung im Gesundheitswesen veröffentlicht hat2. Deutschland steht in der Studie beim Digital-Health-Index an vorletzter Stelle, nur Polen ist noch weniger digitalisiert. Und daher sehe ich es als Aufgabe der DG-BW, eine Vernetzungsplattform für digitale Medizin im weitesten Sinn zu sein. Dazu gehören auch alle Gesundheitsfachberufe, wie Pflege, Physiotherapeuten usw. Daher haben wir den Verein auch „Digitale Gesundheit“ genannt. Zudem ist er nicht nur auf Heilberufe beschränkt, es steht wirklich der Patient im Mittelpunkt und daher können auch Patientenvertreter Mitglied werden. Der Verein sollte der Transporteur von unterschiedlichen Meinungen sein.

An welcher Stelle engagieren Sie sich noch für das digitale Gesundheitswesen?

Ich bin seit 2006 als Vertreter der Bundesapothekerkammer Mitglied des Beirats der gematik und habe daher einen Einblick in die Arbeit der gematik. Ich bin persönlich froh, dass das Ministerium seit Juli 2019 51 % dieser Gesellschaft übernommen hat. Das ist eine Konsequenz aus der Bertelsmann-Studie. Denn dort wurde gezeigt, dass es in denjenigen Ländern besser funktioniert, bei denen eine staatliche Stelle das Sagen hat. Vergleichbar mit der Arzneimittelzulassung des BfArM. Wenn es diese nicht gäbe, hätten wir ein Chaos, das wir derzeit noch im digitalen Gesundheitsbereich haben. Da ich die gematik lange kenne, bin ich froh, dass hier eine neue Vorgehensweise präferiert wird.

  • Die Screenshots zeigen die Bedienoberfläche für das eRezept in der docdirekt-App. Dazu gehört zum Beispiel eine Übersicht über bereits ausgestellte Rezepte. © LAK BW
  • Über die docdirekt-App kann auch der Bearbeitungszustand des Rezepts in der Apotheke eingesehen werden. © LAK BW

Anmerkung der Redaktion: bundeseinheitlicher Identifikationsschlüssel für Arzneimittel, Hilfsmittel und andere Apothekenprodukte.

2 Anmerkung der Redaktion: Bertelsmann Stiftung: Stand der Digital-Health-Entwicklung in 17 untersuchten Ländern
www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/der-digitale-patient/projektthemen/smarthealthsystems/stand-der-digital-health-entwicklung/

Seiten-Adresse: https://www.telemedbw.de/fachartikel/dr-guenther-hanke-digitale-gesundheit-aktiv-miteinander-gestalten