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E-Health: Das Stuttgarter Marienhospital als Vorbild

In vielen Ländern gehören digitale Technologien im Gesundheitswesen bereits ganz selbstverständlich zum Alltag – etwa in Krankenhäusern oder Arztpraxen. So allerdings nicht in Deutschland: Hier sind medizinische Einrichtungen im internationalen Vergleich mit wenigen Ausnahmen nur unterdurchschnittlich digitalisiert. Eine dieser Ausnahmen ist das Stuttgarter Marienhospital, das kürzlich unter anderem für seine E-Health-Aktivitäten unter die „Top 100“-Unternehmen Deutschlands gewählt wurde.

Die Klinik bei Nacht bunt beleuchtet.
Das Stuttgarter Marienhospital wurde 2019 unter die „Top 100“-Unternehmen Deutschlands gewählt. © Marienhospital Stuttgart

Das im Süden Stuttgarts gelegene Marienhospital zählt mit seinen 761 Betten und den 1.920 Mitarbeitern zu den größten Kliniken der Landeshauptstadt. Das katholische Krankenhaus hat es sich nach eigenen Worten traditionell zum Grundsatz gemacht, Hightech-Medizin mit christlichen Werten zu vereinbaren. Mit Erfolg: Für sein Innovationsmanagement und seine Innovationserfolge wurde die Klinik 2019 unter die „Top 100“-Unternehmen Deutschlands gewählt. Anlass hierfür waren verschiedene Projekte der Einrichtung, unter anderem auch zur Digitalisierung, die im Gesundheitswesen oft unter dem Stichwort „E-Health“ zusammengefasst wird.

Mit „E-Health“ gemeint sind nach einer aktuellen Definition des Bundesgesundheitsministeriums alle modernen IT-gestützten Anwendungen, die die Behandlung und Betreuung von Patienten unterstützen können. Beispiele hierfür sind die bereits vor einigen Jahren eingeführte elektronische Gesundheitskarte, die zukünftig für alle medizinischen Einrichtungen geplante elektronische Patientenakte oder auch Anwendungen der Telemedizin.

Elektronische Patientenakte längst Standard

Ein Gang in der Klinik mit drei Pflegekräften.
Im Notfall kann der schnelle Zugriff auf alle Daten in Form einer elektronischen Patientenakte lebensrettend sein. © Marienhospital Stuttgart

Im Marienhospital sind solche modernen technischen Möglichkeiten für die Verantwortlichen keine Neuigkeit mehr: „Das machen wir natürlich schon längst“, sagt Stephan Rühle, Leiter des IT-Bereichs der Klinik. „Bereits seit 2004 gibt es bei uns die vollständige digitale Patientenakte, das heißt, alle Gesundheitsdaten eines Patienten wie Anamnese, Therapien oder Medikamente stehen jeder Abteilung innerhalb unserer Einrichtung gleichermaßen zur Verfügung. Dabei liegt der Fokus aber leider bisher nur auf unseren internen Möglichkeiten. E-Health hört aber unserer Ansicht nach nicht an der Kliniktür auf, sondern muss darüber hinausführen und auch die niedergelassenen Ärzte, Reha-Einrichtungen und die Patienten selbst miteinbeziehen.“

Überhaupt sollten auch gerade die Patienten zukünftig selbst darüber entscheiden können, welche Gesundheitsdaten welchem der Akteure zur Verfügung gestellt werden, meint Rühle. Dabei müsse natürlich immer einerseits die Datensicherheit gewährleistet sein, aber auch andererseits der Empfänger sicher sein können, dass es sich um die korrekten Daten genau des Patienten handele, der vor ihm sitze.

Deutschland Schlusslicht – völlig mangelhafte Digitalisierung

Der IT-Experte in einem Raum mit Stühlen und IT-Ausstattung.
Der IT-Leiter des Marienhospitals Stephan Rühle entwickelt im E-Health-Tower gemeinsam mit anderen Akteuren der Klinik digitale Projekte. © Marienhospital Stuttgart

Aber dass Daten theoretisch allen Beteiligten zur Verfügung stehen können, findet der IT-Experte enorm wichtig: „Stellen Sie sich den Notfall vor, da ist es oft sehr schwierig – wenn nicht gar unmöglich –, erst einmal eine Anamnese durchzuführen. Da wäre es schon wichtig, dass der Arzt alle notwendigen Daten über den Patienten einfach und schnell abrufen könnte.“ Was jedoch solche Möglichkeiten hierzulande angeht, so findet man deutsche Krankenhäuser im internationalen Vergleich bislang nur auf den hintersten Rängen. Laut einer Studie des Springer-Verlags im Jahr 20191 sind deutsche Kliniken nur unterdurchschnittlich digitalisiert. Auch hat sich der Abstand zum europäischen Durchschnitt in den letzten Jahren sogar noch vergrößert – Länder wie die Niederlande oder Dänemark oder sogar die Türkei sind hier deutlich weiterentwickelt. Zudem gibt es in Deutschland derzeit kein einziges Krankenhaus der höchsten Digitalisierungsstufe.

Ein Grund für die mangelnden E-Health-Strategien vieler Kliniken ist die derzeit völlig mangelhafte Digitalisierung, so Rühle: „In der Gesamtbetrachtung des Gesundheitswesens kann man die Situation bei uns fast als katastrophal bezeichnen.“ Dies bringe nicht nur Probleme bei der Behandlung im Krankenhaus, sondern genauso in der Nachsorge: „Reha-Einrichtungen sind mäßig bis gar nicht digitalisiert und Sozialdienste haben bislang noch überhaupt keine Digitalisierungsstrategie – wie sollen wir dann eine qualifizierte E-Health-Versorgung anbieten? Dabei sind die Chancen riesengroß, und wir haben geradezu die moralische Verpflichtung, diese zu nutzen.“

Ein weiteres Problem sei die Flut an isolierten Angeboten, vor denen die Patienten stünden, meint der IT-Leiter – sowohl seitens der Kassen als auch der Gesundheitsportale von großen Konzernen wie Amazon oder Apple: „Man hat es einfach noch nicht geschafft, über standardisierte Angebote nachzudenken“, erklärt Rühle. „Dabei gibt es seit Jahren unter anderem die Initiative IHE2 (Integrating the Healthcare Enterprise), die auch wir unterstützen, und die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Datenaustausch zwischen IT-Systemen im Gesundheitswesen zu standardisieren. Dabei fehlt es in Deutschland aber einfach auch an Geld für Innovationen. Die Initialinvestitionen sind vehement, gleichzeitig werden aber Förderanträge zu Projekten, die den überregionalen Gesundheitsdatenaustausch unterstützen, abgelehnt. So ist es kein Wunder, dass hier alles viel zu zäh vorangeht.“

Literatur:

1 Krankenhaus-Report 2019: „Benchmarking der Krankenhaus-IT: Deutschland im internationalen Vergleich, pp. 17-32, Springer-Verlag

2 http://www.ihe-d.de/

Seiten-Adresse: https://www.telemedbw.de/fachartikel/e-health-das-stuttgarter-marienhospital-als-vorbild